Freitag, 5. Juni 2009

Faces...

Ich sehe mich um. Überall Gesichter. Verzerrte Fratzen. Aufgesetzte Masken.
Menschen lachen, doch innerlich weinen sie.
Menschen erzählen, doch denken nicht über das Gesagte nach.
Menschen machen ohne zu tun oder zu handeln.

An meinem Nachbartisch sitzt ein junger Mann. Er starrt gedankenverloren aus dem Fenster, seine braunen Augen blitzen.
Woran er wohl denkt? Keine Gefühlsregung ist in seinem Gesicht zu erkennen.
Macht er sich Sorgen? Ist er wütend? Trauert er? Ich sehe genauer hin.
Seine Hände sind verkrampft. Ein leichtes Zittern durchläuft immer wieder seinen Körper. er blinzelt heftig, versucht die aufkeimenden Tränen zu unterdrücken.
Schnell wende ich meinen Blick ab, das geht mich nichts an.

Am anderen Ende des Raumes erkenne ich eine kleine Gruppe Teenager, vermutlich ist keiner von ihnen älter als 16. Und doch sehen sie alt aus.
Nicht im körperlichen Sinne, sondern seelisch.
Ich bin mir sicher, dass jeder von ihnen eine grauenvolle Vergangenheit hat. Eine Mischung aus Alkohol, Drogen und Gewalt.
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte ihnen helfen. Doch ich kann es nicht. Die meisten würden sich ohnehin nicht helfen lassen. Für andere ist es dagegen ohnehin schon zu spät.
Ein junges Mädchen blickt auf, sieht mich direkt an. Ihre Augen bestätigen meine Überlegungen. Ihre Pupillen sind geweitet. Und auch ihr Körper erzählt mir seine Geschichte von Not, Leid und Entbehrung.
Ich weiß, dass ich nicht helfen kann und es schmerzt mich das zu erkennen.

Direkt neben mich lässt sich jetzt ein Ehepaar mittleren Alters nieder. Er schaut sich um, sucht etwas? Sie dagegen fixiert stumm ihren Teller, auf dem nur ein Apfel liegt.
Warum isst sie nicht mehr? Hat sie keinen Hunger? Geht es ihr nicht gut? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter?
Der Mann stößt sie jetzt unsanft in die Seite und die Frau verzieht das Gesicht. „Iss!“ er sagt es nicht einfach so, nein, er befiehlt es ihr.
Ich schüttle den Kopf, kann nicht glauben, dass sie eine solche Behandlung widerspruchslos duldet.
Dann wendet der Mann seinen Blick mir zu. „Was glotzt du so?!“ blafft er mich an.
Obwohl ich gerne etwas gesagt hätte, halte ich meinen Mund. Ich bin nicht so stark wie ich es gerne wäre. Ich habe Angst. Also schaue ich weg.

Hängen bleibt mein Blick auf einem dunkelhäutigen Pärchen. Der Mann hält die Frau eng umschlungen, streicht ihr immer wieder zärtlich über die Wange. Ihr Kopf ist an seine Schulter gelehnt und dicke Tränen rinnen über ihr Gesicht. In ihren Armen liegt ein kleines zappelndes Bündel. Ein winziges Gesichtchen schaut aus den dicken Decken hervor, die kleinen Händchen werden immer wieder in die Höhe gereckt, als wolle auch das kleine Wesen die Mama trösten.
Ein leichtes Lächeln huscht über mein Gesicht, doch sogleich werde ich wieder ernst. Was wohl ihre Geschichte ist?
Sie hat einen Mann, der sie offensichtlich liebt, der für sie da ist, für sie und ihr Kind. Und dennoch weint sie, scheint mit der Situation nicht zufrieden?
Ist sie überfordert mit der Kleinen? Ist er nicht der Vater? Gab es vielleicht einen Zwilling? Meine Gedanken gehen wie so oft auf Wanderschaft.
Dann steht der junge Mann auf, nimmt das Baby kurz auf, haucht ihm einen Kuss auf die Stirn, ehe er es wieder der jungen Frau gibt. Dann umfasst er fest die Griffe des Rollstuhls, der mir erst jetzt auffällt.

Zwei Freundinnen sitzen ein paar Tische weiter, unterhalten sich. Beide lachen, doch dieses Lachen erreicht nicht ihre Augen.
Sie wollen sich ablenken. Sie reden über irgendetwas, um sich nicht mit etwas auseinander setzen zu müssen, das geschehen ist, gerade geschieht, oder geschehen wird.
Es macht ihnen Angst. Es macht sie traurig. Sie wollen einfach nicht darüber nachdenken müssen.

An einem der letzten Tische, in einer etwas dunkleren Ecke entdecke ich zwei junge Männer, die verschüchtert Händchen halten. Sie werfen sich immer wieder verliebte Blicke zu, sehen sich aber im gleichen Atemzug auch immer wieder um.
Wahrscheinlich waren sie schon immer irgendwelchen Anfeindungen ausgesetzt. Ein Lächeln umspielt meine Lippen. Das sind die ersten Personen, die ich heute sehe, die einfach sind wie sie sind. Die sich ohne Maske zeigen. Jeder der sie sich genauer ansieht, kann erkennen, dass sie einander wirklich gern haben und dennoch auch Angst haben, für diese Zuneigung schikaniert zu werden.

Jetzt fällt mein Blick auf die beiden Angestellten des Hostels, sie hinter der Bar stehen, Gläser spülen, Getränke ausgeben und das Buffet auffüllen. Beide werfen sich immer wieder hasserfüllte Blicke zu. Sie wollen alle glauben lassen, dass sie einander abgrundtief hassen, doch ihre Augen erzählen die Wahrheit. Eine Wahrheit, die das komplette Gegenteil von dem ist, was sie so öffentlich zur Schau stellen. Sie mögen einander. Vielleicht mehr, als sie sich eingestehen wollen. Und um das nicht zugeben zu müssen verkriechen sie sich hinter einer Fassade aus Hass, Feindschaft und Abscheu. Sie spielen sich gegenseitig ein Theater vor, um einen Kampf zu gewinnen, der so ungleich ist, dass keine Chance auf den Sieg besteht.
Ich wende den Blick ab. Kann nicht länger das bunte Treiben um mich herum beobachten.

Was würde jeder einzelne von ihnen denken, wenn er mich ansieht.
Ich weiß es nicht.
Sehen würde man ein junges Mädchen. Ein offenes, selbstbewusstes, junges Mädchen, das den Blick neugierig durch den Raum schweifen lässt, hier mal etwas betrachtet und da.
Doch es ist nicht die Wahrheit.
Ich bin nicht selbstbewusst. Nicht einen Funken. Ich verstecke mich hinter meiner Maske. Einer Maske, die hauptsächlich aus einem hübschen Lächeln besteht, das den Leuten den Eindruck vermittelt, ich sei ein fröhliches, aufgeschlossenes Mädchen. Das bin ich. Manchmal.

Doch ich kann den Menschen nicht in die Augen sehen. Ich kann den Blicken nicht standhalten, die mich mustern. Ich bin nicht das, was ich zu sein vorgebe.
Ich bin genauso wie alle anderen hier im Raum.
Ich verstecke mich, verbarrikadiere mich hinter einer Schutzmauer. Verstelle mich. Ich habe mir eine Maske geschaffen, die mich so erscheinen lässt, wie ich gerne wäre. Doch die Fassade ist brüchig und bei der kleinsten Berührung kann sie einstürzen und ich komme zum Vorschein.
Denn auch ich habe eine Geschichte.

Kommentare:

  1. hab ich dir schonmal gesagt dass alles was du schreibst voll toll is?
    wenn nein, dann jetz^^

    die geschichte(?)is wirklich total toll... ♥ :)

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  2. Hallo Simonileinchen,

    ich bin über die Suche nach dem Text zu "Pictures of you" auf Ihren Blog gestoßen.
    Sie habe echt die Gabe, Emotionen zu schildern, ohne dabei kitschig zu werden.
    Ich freue mich auf Ihr erstes Buch.

    Gruß VHR

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